„Woraus bestehen ätherische Öle?“ oder „Bitte zurück treten – Zug fährt ab!“

Im letzten Blog hab ich euch ja „versprochen“, dass ich mich in meinem nächsten mit den Inhaltsstoffen von diversen ätherischen Ölen und wie sie auf den Menschen wirken beschäftigen werde.

Gefühlt wage ich mich dabei jetzt an das schwierigste Thema heran, denn dieses kommt nicht ohne Biochemie aus. Jetzt könnte man meinen, dass es mich als Biologin rasend interessiert, wie die chemische Struktur der einzelnen Bestandteile eines ätherischen Öls aussehen. Leider weit gefehlt… Chemie war in meinem Studium leider meine Achillesferse und hätte ich nicht wohlgesonnene Prüfer vor mir gehabt, würde ich vermutlich heute noch dort sitzen und chemisches Rechnen büffeln. Was mich dann aber doch wieder mit diesem Thema versöhnlich stimmt ist die Tatsache, dass ich in diesem Fall ja nicht unbedingt chemische Formeln auswendig lernen oder irgendwelche Strukturen benennen muss. Es „reicht“, wenn ich weiß, welche chemischen Verbindungen in einem ätherischen Öl zu finden sind. Es reicht deshalb, weil jeder Verbindungsklasse allgemeine Eigenschaften zugeschrieben werden können. Und ich liebe es, wenn ich Dinge runterbrechen kann und nicht jedes Detail auswendig lernen muss, sondern übergeordnete Gruppen. Natürlich gehe ich als Aromapraktiker dann die Tiefe, aber für die schnelle „Diagnose“, was ein Öl machen kann, reicht es.

In einem früheren Blog habe ich erwähnt, dass von ätherischen Ölen oftmals bis zu 80% der Inhaltsstoffe bekannt sind. Die restlichen 20% bleiben – chemisch gesehen – bislang im Verborgenen. Das bedeutet nicht, dass sie nicht wichtig sind, ganz im Gegenteil! Oft machen genau diese 20% den Unterschied aus, warum das eine Öl doch ein wenig anders wirkt, als ein anderes mit ähnlichen (bekannten) Verbindungen. Als Naturwissenschaftlerin ist das für mich natürlich wahnsinnig unbefriedigend. Als Aromapraktikerin finde ich es aber spannend und auch gut, wenn die Natur nach wie vor das ein oder andere Geheimnis bewahrt. Dies lässt mich als Mensch demütig auf Pflanzen schauen, wo wir uns normalerweise doch so gerne über sie erheben.

Aber kommen wir zu den 80% bekannter Verbindungen zurück. Die helfen uns im Groben dennoch eine Einteilung zu treffen. Am Ende werdet ihr (hoffentlich) sehen, dass man – wenn man sich ein wenig damit auseinandersetzt – die Wirkung eines Öls ungefähr abschätzen kann, wenn man nur eine Liste an chemischen Verbindungen hat. Dazu brauche ich den Namen des Öls nicht einmal kennen. Die Probe aufs Exempel erfolgt am Ende meines Blogs 😉

Dann legen wir los und kommen zu dem Zug, der in der Überschrift erwähnt wird. Denn im Groben kann man jene Inhaltsstoffe, die am häufigsten in ätherischen Ölen vertreten sind (die wir Aromapraktiker auch anwenden), auf ein Molekül zurückführen: das Isopren (wer es genau wissen will: ungesättigter Kohlenwasserstoff 2-Methylbuta-1,3-dien). Dies ist die Grundeinheit, aus der sich die eigentlichen für uns relevanten Verbindungen zusammensetzen: den Terpenen. Kleiner Zusatz: keine Sorge, es wird noch spannender!

Aus dieser Grundeinheit ist unser Gedankenzug aufgebaut: 1 Isopren–Untereinheit = 1 Wagon. Hängen wir also an die Lok zwei Isopren-Einheiten bzw. Wagons spricht man von einem Monoterpen, bei drei von einem Sesquiterpen, bei drei von einem Diterpen und bei fünf spricht man schließlich von einem Triterpen. Diese Liste könnte ich jetzt weiterführen, allerdings kommen diese nicht mehr in einem ätherischen Ölen vor. Jetzt ist der Gedanke nicht mehr weit, dass der Zug immer schwerer wird, je mehr Wagons daran hängen. Umgemünzt: Je mehr Isopren-Einheiten, desto schwerer wird das Molekül und letztlich auch der Duft.

Dazu ein praktisches Beispiel: die Zitrusdüfte bestehen teilweise aus 98% Monoterpenen (wir erinnern uns: viele Züge mit nur zwei Wagons). Zitrusdüfte gelten im Normalfall als sehr leicht, luftig, erfrischend, sind jedoch auch bald wieder weg – die Moleküle sind sehr leicht und verdampfen innerhalb kurzer Zeit. Das Gegenbeispiel dazu ist Myrrhe – dieses Öl besteht aus etwa 90% Sesquiterpenen (viele Züge mit 3 Wagons). Ein sehr schwerer Duft, der lange anhält, den man auch vorsichtig dosieren sollte.

Und auch in ihrer Wirkung spiegelt sich genau dies wieder. Monoterpene sind wie Kinder: Sind viele davon dabei, ist viel los, sie laufen herum, wirbeln die Luft herum (reinigen sie dabei auch), stimulieren alle anderen, wirken aufhellend, regen zum Lachen an, sie quatschen mit jedem, halten einem jung (hmmm….). Aber sie sind ja leider nur so kurz jung, beim nächsten Mal hinschauen haben sie sich verändert und sind zu muffigen Teenagern mutiert. Und so ist es auch bei monoterpenreichen Ölen: sie sind leider nur 1 Jahr haltbar.

Das Gegenteil sind sesquiterpenreiche Öle wie Patchouli, Schafgarbe, Atlaszeder. Diese sind wie Pensionisten: sind sie im Zug, wirken sie auf andere sehr beruhigend, stabilisierend, immunmodulatorisch, stärkend. Diese Öle sind teilweise sehr lange haltbar, da sie wenig mit der Umwelt reagieren. Ob Letzteres auch auf Pensionisten zutrifft…??

Diese beiden Mitreisenden bzw. Verbindungen sind aber nicht die einzigen. In so einem Zug ist immer viel los und es treffen die unterschiedlichsten Gäste aufeinander. So gibt es viele Abwandlungen dieser Terpen-Verbindungen. Einmal fährt die gute Schwester Ester mit (Monoterpenester), die die Passagiere beruhigt, den Schlaf fördert, auf die Herzttätigkeit einwirkt und Ängste löst.

Ein anderes Mal ist Alkohol im Spiel (Sesquiterpenole, Monoterpenole, Diterpenalkohole) – dieser sorgt dafür, dass sich die Stimmung hebt und durch seine desinfizierende Wirkung dafür, dass unter den Mitreisenden keine Epidemie ausbricht.

Es gibt aber auch die Opis bzw. die alten Hüte (Monoterpen-Aldehyde), die hin und wieder an Bord sind. Oft vertreiben sie durch ihren Geruch den einen oder anderen Gast, aber auch Insekten und Viren. Fieber ist da kein Thema mehr, sie sind immer entspannt und dennoch schauen sie dem einen oder anderen Rock hinterher.

Leider gibt es aber auch immer wieder ein paar Rowdies im Zug, die schnell ein wenig aggressiv werden, wenn man sie zu viel beachtet (Monoterpenketone). So steigern sie beim Gegenüber den Blutdruck, fördern die Konzentration, aktivieren einem, lassen einem Bauchschmerzen oder Hautwehwehchen vergessen, schlagen sich leider aber auf die Leber und die Nerven, wenn man nicht aufpasst. Babys, Kinder oder Schwangere hält man von dieser Gruppe lieber fern.

Zuletzt hat diese Gruppe leider aber auch noch Verwandte, die mit ähnlicher Vorsicht zu genießen sind. Sie sitzen zwar in einem eigenen Zug (haben also mit Terpenen nichts zu tun), dennoch laden wir sie aber immer wieder einmal zu uns ein, da sie etwas Geschmack in die Sache bringen: die aromatischen Verbindungen (Phenole, Phenylether undaromatische Aldehyde), die alle eines gemeinsam haben: einen Phenol-Ring.

Treffen diese auf ungebetene Gäste wie Bakterien, Viren oder Pilze hat für diese das letzte Stündlein geschlagen, der Blutdruck beim Gastgeber steigt und die bessere Durchblutung lässt einem rote Wangerl kriegen. Aber wie schon bei den Monoterpenketonen muss man einige Vorsichtsmaßnahmen treffen, wenn man mit ihnen verkehren will.

Damit habe ich die wichtigsten Vertreter beschrieben. Wie erwähnt können in einem Öl viele von diesen vorkommen. Von den letzten beiden Vertretern reichen oft schon Spuren (also 1 Gast), um ungebetene Nebenwirkungen auszulösen (das unten erwähnte Beispiel bildet hier allerdings eine Ausnahme). Generell können alle Vertreter die ein oder anderen Nebenwirkungen bzw. Wechselwirkungen auslösen, daher ist es für mich als Aromapraktikerin essentiell über die Inhaltsstoffe Bescheid zu wissen. In meinen Aromafachberatungen gehe ich daher sehr genau auf eventuelle Grunderkrankungen bei einem Klienten ein, um die gewünschte Wirkung zu erzielen, aber auch um Neben- und Wechselwirkungen gering zu halten.

So, nun wären wir bei der eingangs erwähnten Probe aufs Exempel und jeder darf mitraten:

  1. Wie wirkt ein Öl mit diesen Inhaltsstoffen?
    • 40-50% Monoterpenester (v.a. Linalylacetat)
    • 25-35% Monoterpenole (v.a. Linalool)
    • 9% Monoterpene (v.a. cis-ß-Ocimen)
    • 6% Sesquiterpene (v.a. ß-Caryophyllen)
    • in Spuren Monoterpen-Keton (Campher)
  2. Um welches Öl handelt es sich?

 

Kommen wir zur Auflösung der 1. Frage:

Aufgrund des hohen Anteils an Monoterpenestern (vor allem wegen des Linalylacetat) wirkt dieses Öl Angst-lösend, schlaffördernd, Pilz-abtötend, sehr hautfreundlich, regulierend auf die Herztätigkeit.

Durch die doch reichlich vorhandenen Monoterpenole ist das Öl zudem antiinfektiös, Immunsystem stärkend, pflegend & hautregenerierend, stimmungsaufhellend und beruhigend. Gleichzeitig hat es aber durch die Monoterpene eine leicht stimulierende Wirkung. Sie sorgen auch für eine desinfizierende und lokal schmerzstillende Wirkung. Die in geringen Maßen, aber immer noch genug vorkommenden Sesquiterpene beruhigen ebenfalls, stabilisieren den Anwender, sie wirken antiallergisch und nochmals hautregenerierend, Immunsystem stärkend.

Monoterpenketone sind zwar in Spuren vorhanden, sind jedoch absolut in der Unterzahl und spielen daher bei den Nebenwirkungen keine Rolle.

Und hier die Auflösung zur 2. Frage: es handelt sich dabei um das Öl von Lavandula angustifolia – also dem Lavendelöl.

Puh, ich hoffe, ich konnte euch die Biochemie hinter den Ölen ein wenig schmackhaft machen. Und wenn ihr euch nur merkt: „Ätherische Öle sind ein Gemisch aus verschiedensten chemischen Verbindungen, die auf den Menschen wirken“, habe ich meine Aufgabe erfüllt.

Auf meiner Homepage und auch in meinen Blog-Einträgen rede ich immer wieder von 100% naturreinen ätherischen Ölen und wie wichtig es ist, mit diesen zu arbeiten  – aber was heißt das eigentlich? Darüber möchte ich in meinem nächsten Blog schreiben! Bis dahin wünsche ich euch eine wunderbare Zeit!

2 Antworten auf „„Woraus bestehen ätherische Öle?“ oder „Bitte zurück treten – Zug fährt ab!““

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