„Wie kann man ätherische Öle anwenden?“ oder „Warum sollte man 15.000 cm² nicht nutzen?“

Einer der ersten Fragen, die mir begegnet, wenn ich meine Aromarunden veranstalte oder Klienten zu mir kommen, ist diese: „Und diese Mischung soll ich jetzt in meine Duftlampe geben?“. Natürlich ist die Duftlampe auch ein zentraler Bestandteil, wenn es um die Arbeit mit ätherischen Ölen geht. Aber es ist bei weitem nicht die einzige Anwendung. Gott sei Dank, möchte so mancher Mann fast sagen, denn nicht jeder ist ein Fan von Duftlampen… Davon abgesehen ist es auch nicht immer die vernünftigste Art der Verwendung.

Zudem ist dies eine Anwendung, bei der der Duft jedem gefallen sollte, der sich im Raum aufhält, was verständlicherweise nicht immer der Fall ist. Das andere Extrem der Anwendung wäre die Einnahme von ätherischen Ölen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen – und dann auch nur unter ärztlicher Aufsicht – rate ich dringend davon ab. Das mag für viele seltsam klingen, sind es doch rein pflanzliche Produkte, mit denen wir arbeiten. Im Gegensatz zu einem Kräutertee sind ätherische Öle von den gleichen Kräutern jedoch hoch konzentriert und wie wir schon seit langem von Paracelsus wissen: „Die Dosis macht das Gift“.

Davon abgesehen muss man in den wenigsten Fällen zu dieser Art der Therapie greifen. Und daher komme ich nun zu meiner Meinung nach wichtigsten Anwendung überhaupt. Denn warum sollten wir uns nicht unser größtes Organ – die Haut –  nutzen? Warum nicht mit etwa 15-20.000cm², 3,5 – 10kg und mit einer Anzahl von etwa 5 Millionen arbeiten (die letzte Zahl wird im nächsten Blog gelöst)? Warum sollten wir uns die Möglichkeit nehmen, Riechen und Fühlen zu kombinieren und damit auch etwas für unsere Seele zu tun?

Gibt man den Begriff Haut bei Google ein, stößt man gleich auf folgende Aussagen und damit auch eine Erklärung für die ersten beiden Zahlen: „Die Haut (…) ist das (flächen- und gewichtsmäßig) größte Organ des Körpers: abhängig von Körpergröße und Gewicht hat sie eine Oberfläche von 15-20.000cm² (oder 1,5-2m²) und wiegt 3,5-10kg.1“ oder „Die Haut ist funktionell das vielseitigste Organ des menschlichen Organismus. Die Haut dient als Abgrenzung von Innen und Außen (Hüllorgan), dem Schutz vor Umwelteinflüssen, der Repräsentation, Kommunikation und Wahrung der Homöostase. Außerdem übernimmt die Haut wichtige Funktionen im Bereich des Stoffwechsels und der Immunologie (…).2

Nun könnte man behaupten: naja gut, aber da steht es ja – die Haut dient als Abgrenzung nach Außen. Außer, dass man gut riecht, wird es vermutlich nicht viel nutzen, denn rein kommen ätherische Öle ja offenbar nicht, oder?

Da möchte ich an jene Meldung erinnern, die vor einigen Jahren für große Aufregung  vor allem bei uns Frauen gesorgt hat. Damals hieß es: „Aluminium im Deo kann Brustkrebs verursachen“. Wenngleich diese Tatsache bis heute nicht ausreichend belegt werden kann (Link!), so zeigt es uns doch eines, dass nämlich Inhaltsstoffe von Kosmetika, die man auf die Haut aufbringt, durch die Hautschichten durchgehen und letztlich im Blut landen können.

Aber wie? Wie gelangen diese Stoffe von außen ins Körperinnere? Generell gilt: je kleiner, desto besser. Je konzentrierter, desto schneller.

Für all jene, die mit Begriffen wie Osmose, Diffusion, inter- und intrazellulärer Wegnichts (mehr) anfangen können, lade ich nun zu einem Gedankenexperiment ein:

Stellt euch dazu einen großen Raum vor, der voll mit Menschen ist. Vielleicht wie bei einem klassischen Konzert. Die Menschen symbolisieren das ätherische Öl bzw. deren winzige Tröpfchen mit vielen verschiedenen Inhaltsstoffen. Der große Raum stellt das Fläschchen dar, in welchem sich das Öl befindet bzw. den Raum außerhalb des Körpers generell.

Hinter dem Konzertsaal befindet sich ein weiterer Raum, welcher das Körperinneredarstellt – beide Räume sind durch mehrere Türen miteinander verbunden. Sobald das Konzert zu Ende ist, werden sie geöffnet und die Besucher strömen in den 2. Raum.

Würde es nun nur diese beiden Räume geben bzw. wären die Menschen darin eingesperrt, würden sie sich so verteilen, dass vermutlich am Ende in beiden Räumen in etwa gleich viele zu finden sind. Jeder hat nun etwas mehr Platz zu atmen und sich zu bewegen und fühlt sich wohler. Umgelegt auf die Biologie nennt man diesen Verteilungseffekt „Osmose“ (Ausgleich von Konzentrationen).

Nun ist der zweite Raum gleichzeitig auch der Ausgang und eine U-Bahn-Haltestelle. Letztere stellt in unserem Gedankenexperiment die Blutbahn dar. Sobald die erste U-Bahn ankommt strömen die Menschen hinein und fahren ab. Die meisten Besucher bleiben jedoch in der Umgebung und brauchen keine U-Bahn (in unserem Experiment sind es etwa 90%). Das führt automatisch dazu, dass wieder mehr Platz im zweiten Raum ist und Menschen aus dem Konzertsaal nachströmen. Dies passiert so lange, bis beide Räume leer sind und alle Menschen dort angekommen sind, wo sie hinwollten. Das ätherische Öl wurde vom Körper aufgenommen!

Den Türen in diesem Gedankenexperiment kommt übrigens eine besondere Rolle zu:nicht alles passt durch sie durch. Alles, was größer ist als ein Mensch hat hier keine Chance. Umgemünzt auf den Menschen stellt die Türe die Körperoberfläche dar, auf die wir das ätherische Öl auftragen. Durch diese Hautbarriere kommen nur Stoffe, die fettlöslich und sehr klein sind – beides trifft auf ätherische Öle zu. In etwa 10% der Fälle gelangen sie durch die Hautschichten hindurch bis in die Blutbahn. So gibt es Studien, dass etwa Linalylacetat oder Linalool (beides Bestandteile von Lavendel) innerhalb von 20 Minuten im Blut nachweisbar sind3Bergapten (ein Bestandteil des Bergamotte-Öls) ist 4 Stunden nach einer Massage im Blut zu finden4.

Von dort aus können sie überall im Körper ihre Wirkung entfalten – übrigens auch im Gehirn, denn aufgrund der oben erwähnten Eigenschaften gelangen sie auch durch die Blut-Hirn-Schranke. Dies könnte den antidepressiven Effekt von Bergamotte oder Lavendel erklären.

Nun gehen wir noch einen Schritt weiter in unserem Experiment, denn noch haben wir nicht geklärt, welchen Weg ätherische Öle von der Hautoberfläche in die tieferen Hautschichten nehmen bzw. wie sie ins Blut belangen. Rufen wir uns nochmals den 2. Raum ins Gedächtnis (Körperinnere). Nachdem es ein Warteraum ist, sollten wir den Raum mit vielen Bänken unterschiedlicher Größe bestücken, damit man sich auch ausruhen kann – diese Bänke stehen für unsere Körperzellen. Die meisten Besucher werden sich den Weg zwischen den Bänken bahnen (interzellulärer Weg). Viele werden sich auf den Bänken ein wenig ausrasten. Einige jedoch, die es eiliger haben und nicht warten möchten, werden über die eine oder andere Bank springen (durch Zellen hindurch = intrazellulärer Weg).

Zuletzt möchte ich euer Augenmerk noch auf eine Besucherin lenken. Sie hat es nicht besonders eilig und möchte sich noch kurz auf einer Bank ausruhen. Bald bemerkt sie jedoch, dass diese Bank bereits besetzt ist. Ein Herr (=Zellkern) mit all seinen Habseligkeiten (=Zellorganellen) sitzt dort und erhebt wütend mit hochrotem KopfBesitzansprüche auf diese – seine – Bank. Die Dame, von Beruf Krankenschwester (=Monoterpenester für alle, die sich an  unser Gedankenexperiment mit einem Zug erinnern), schafft es durch ihre ruhige und einfühlsame Art jedoch recht schnell, den Herrn zu beruhigen – ob da auch der Duft nach Lavendel eine Rolle spielt, den sie verströmt???

Übrigens: der Weg vom Körperinneren nach außen funktioniert etwas anders. Stellen wir uns nochmals kurz das Konzert vor. Diesmal tritt Justin Biber auf (puh…). In den vordersten Reihen stehen bekanntlich die jungen Mädels und kreischen. Keine zehn Pferde würde sie von dort wegbekommen. Da kann es schon einmal dazu kommen, dass die eine oder andere einen Kreislaufzusammenbruch erleidet, in Ohnmacht fällt und von Sanitätern rausgetragen werden muss. So wird beispielsweise Schweiß von innen nach außen transportiert. Das wäre aktiver Transport unter Energieaufwand (der Sanitäter).

Zusammengefasst möchte ich euch folgende Eckpunkte mitgeben:

  • Die Haut ist das größte Organ des Menschen
  • Ätherische Öle können passiv durch die Haut bis zur Blutbahn eindringen und damit überall hin gelangen,
  • sie  kommen auch durch die Blut-Hirn-Schranke und können ihre Wirkung auch dort entfalten
  • Ätherische Öle interagieren mit jeder einzelnen Zelle in unserem Körper

Nächstes Mal gehe ich genauer auf die Interaktion von ätherischen Ölen mit den Körperzellen ein und werde natürlich die Zahl 5 Millionen klären!

 

Quellenangaben:

  1. www.pflegewiki.de/wiki/Haut
  2. de.wikipedia.org/wiki/Haut
  3. Jäger et al, 1992a. J. Soc.Cosmet.Chem 43, 49-54.
  4. Wang & Tso, 2002. J. Pharm. Biomed. Anal. 30, 593-600.

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