„Was sind ätherische Öle?“ oder „Vom Lügen, Locken und sich Wehren der Pflanzen“

Ja, was sind eigentlich ätherische Öle? Und warum arbeite ich gerade damit? Diese Frage wird mir immer wieder gestellt und jedes Mal aufs Neue stelle ich fest, dass die Erklärung gar nicht so einfach ist. Vor allem für mich Naturwissenschaftlerin, die ich gerne eine möglichst objektive und richtige Antwort abgeben möchte, als Aromapraktikerin aber auch das ganzheitliche nicht außer Acht lassen kann.

Daher versuche ich mich nun an einer Erklärung.

Wenn man bei Google die Begriffe „Ätherische Öle + Definition“ eingibt erhält man knapp 39.000 Einträge. Natürlich findet man jenen von Wikipedia ganz oben, der besagt:

„Ätherische Öle, fachsprachlich auch etherische Öle, sind in organischen Lösungsmitteln lösliche Extrakte oder die organische Phase aus Wasserdampfdestillaten aus Pflanzen oder Pflanzenteilen, die einen starken, für die Herkunftspflanze charakteristischen Geruch haben.“ (Wikipedia)

Hm, nun ja. Klingt objektiv und richtig, aber leider sehr trocken. Und haut so auch niemanden vom Hocker…

Da gefällt mir die Beschreibung von Feeling schon besser: „Ätherische Öle  sind die Essenzen der Pflanzen und dienen der Erhaltung und Regeneration von psychischem und körperlichem Wohlbefinden.“ (Feeling.at)

Schöne Beschreibung, aber so 100%ig zufrieden bin ich noch immer nicht.

Also beginnen wir nochmal von vorne.

Ätherische Öle sind das, was man riecht, wenn man einer Rose schnuppert. Wenn man Lavendel ein wenig zwischen den Fingern reibt. Wenn man – wie schon unsere Oma – einen Tannenwipfelsaft ansetzt, weil dieser bei Husten so gut hilft. Ätherische Öle bzw. deren Bestandteile sind in jedem Parfum, in jedem Shampoo und immer mehr auch in Arzneimittel zu finden. Man könnte fast meinen, dass die Pflanze ätherische Öle zu unserem Wohlgefallen herstellt. Leider oder Gott sei Dank weit gefehlt!

Es gibt ein wunderbares Buch von Volker Arzt mit dem Titel „Kluge Pflanzen: Wie sie locken, lügen und sich wehren“. Darin wird sehr eindrucksvoll beschrieben, wozu Pflanzen fähig sind. Einiges davon kenne ich natürlich aus meinem Biologie-Studium. Zum Beispiel, dass Pflanzen, die von einem Fressfeind angeknabbert werden, in der Sekunde ihren Stoffwechsel umstellen und damit auch die Produktion von ätherischen Ölen anpassen. Dies dient dazu, dass zum einen der Fressfeind im besten Fall von ihr ablässt, da die Pflanze durch die neuen Öle ungenießbar wird, zum anderen aber auch dazu, nahestehende Pflanzen vom selben Typ zu „warnen“. Treffen diese Duftmoleküle auf benachbarte Pflanzen stellen auch diese ihren Stoffwechsel um, um so vorzeitig dem Fressfeind zu entgehen.

Ein anderes, ganz wunderbares Beispiel, ist die Rose und ihre Produktion von ätherischen Ölen. Bekanntlich zählt sie ja zu den teuersten, wunderbarsten und hilfreichsten Ölen der Welt. Zudem ist sie aber auch noch sehr gut erforscht. So hat die Forschergruppe um Shawe K.G. (1995) zum Beispiel herausgefunden, dass die Blütenblätter unterschiedliche ätherische Öle produzieren –  je nachdem, in welcher „Schicht“ man sucht.

  • Die äußeren Blütenblätter enthalten viele Rosenalkohole wie Citronellol, Geraniolund Linalool. Diese Verbindungen sollen die Bienen und andere Bestäuber aus der Ferne anlocken, verscheuchen die unerwünschten Gäste und töten eindringende Keime ab.
  • Schaut man sich die Blütenblätter weiter innen an, findet man alkoholische Verbindungen (z.B. 2-Phenylethanol), welche die Bienen „betäuben“ und somit ein wenig länger festhalten sollen.
  • Ganz in der Mitte, dort wo sich auch die Staubgefäße und der Pollen befindet, fand man in den Blütenblätter Citral, Eugenol und Farnesol. Diesen Duft kennen die Bienen aus ihrem Bienenstock und sorgt so dafür, dass sich die Nützlinge wohl fühlen, bleiben und gerne bestäuben, was natürlich für das Überleben der Rosen unumgänglich ist.

Dies sind nur zwei Beispiele von ganz, ganz vielen Varianten, wie die Pflanze ätherische Öle für sich nutzt. Man kann also sagen, dass ätherische Öle – in menschlicher Sprache – nicht nur die Waffen, sondern auch die Sprache und die Pheromone einer Pflanze sind.

Und die Pflanze selbst eine chemische Fabrik auf kleinstem Raum.

Sie bekämpfen damit Fressfeinde genauso wie Bakterien, Viren oder Pilze. Sie verteidigen ihren Standort, warnen ihre Nachbarn und sorgen für Nachwuchs, indem sie Nützlingen anlocken.

Wenn man es energetisch betrachtet, sind sie so etwas wie die Seele einer Pflanze. Mit ihnen drückt die Pflanze all ihren Ärger, Wut, Liebe und Kraft aus.

Und genau diese Eigenschaften machen wir Menschen uns zunutze, wenn wir mit ätherischen Ölen arbeiten.

Aber wo in der Pflanze findet man diese wertvollen Inhaltsstoffe und wie gewinnt man sie? Ätherische Öle werden von der Pflanze in sogenannten Ölbehälter/Öldrüsen gespeichert. Diese können, wie bei den Zitrusfrüchten, auf der Oberfläche (für das menschliche Auge sichtbar) sitzen. Quetscht man die Schale verströmt augenblicklich dieser wunderbare Zitrusduft. Genauso wird dieses Öl auch gewonnen: mittels Kalt-Pressung der Schale.

Bei anderen Pflanzen, wie etwa beim Thymian oder anderen Kräutern, sitzen die Ölbehälter unter der Oberfläche. Um den Duft wahrzunehmen, ist es am besten, wenn man die Blätter ein wenig zwischen den Fingern reibt.

Man findet ätherische Ölbehälter aber auch im Holz (Rosenholz, Sandelholz), in Harzen (Weihrauch, Benzoe), in Wurzel (Angelikawurzel) und natürlich auch in Blütenblätter (Rose, Neroli). Übrigens gibt es einige Pflanzen, aus denen verschiedenen Öl hergestellt werden können.

Das bekannteste Beispiel dazu ist der Orangenbaum: aus den Früchten bzw. Fruchtschalen wird das bekannte Orangenöl gepresst. Aus den Blüten des Orangenbaums gewinnt man das Öl „Neroli“, aus den Blätter und Zweigen erhält man das Öl „Petit grain“. Diese beiden werden mittels Destillation hergestellt, was übrigens die häufigste Gewinnungsart ist mit dem „Hydrolat“ als wunderbares „Nebenprodukt“! Diese drei Öle haben eine teilweise gänzlich unterschiedliche Zusammensetzung und damit auch unterschiedliche Wirkungen auf den menschlichen Körper.

Neben der Destillation und der Pressung gibt es noch weitere Gewinnungsverfahren, wie die Lösungsmittelextraktion, wobei zum Beispiel Alkohol als Lösungsmittel eingesetzt wird und das gewonnen Öl als „Absolue“ bezeichnet wird. Weitere Verfahren sind die CO2 Extraktion und die Enfleurage, diese wird aber nur noch sehr selten angewendet, da sie sehr aufwendig ist.

Übrigens sind ätherische Öle nicht gleich fette Öle! Im Gegensatz zu fetten Ölen verdampfen reine ätherische Öle vollständig und hinterlassen auf einem Papier keine „Fettflecken“. Teilweise können sie jedoch eine Farbe hinterlassen (z.B. Kamille blau hinterlässt einen blauen Fleck, Mandarine einen rötlich-orangen Fleck).

Damit komme ich zum Ende. Ich hoffe, ich konnte für euch die Frage klären, was ätherische Öle eigentlich sind und freue mich auf nächstes Mal!

In meinem nächsten Blog werde ich mich ein wenig mehr mit den Inhaltsstoffen von diversen ätherischen Ölen beschäftigen und wie sie auf den Menschen wirken!

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