„Was sind Hydrolate?“ oder: „Alles andere als Abfall….!“

Zunächst ein paar persönliche Worte: ihr habt jetzt länger nichts mehr von mir gelesen, was private Gründe hat. Irgendwann werde ich genau dieses Thema dann auch in meinem Blog aufgreifen, weil es mich seit 13 Jahren beruflich und auch (leider) immer wieder privat begleitet. Dieses Wissen möchte ich auch in meiner Arbeit als Aromapraktikerin einbringen. Noch fehlen aber ein paar Grundgedanken bzw. Grundbegriffe.

Zum Beispiel eben „Was sind eigentlich Hydrolate?“. Dass diese schon seit Jahrhunderten verwendet werden, möchte ich euch anhand eines kurzen Auszuges aus dem Buch „Märchen aus 1001 Nacht: Der Klassiker des Orients“ von Scheherazade zeigen:

„…Dann machte sie Halt bei einem Händler von Spezereien: und sie nahm von ihm zehn verschiedene Wasser, darunter RosenwasserOrangenblütenwasserLilienwasserund Weidenblütenwasser. Und sie kaufte auch zwei Zuckerlaibe, eine Flasche Rosenwasser mit Moschus, einige Stücke Weihrauch, Aloeholz, Ambra, Moschus und alexandrinische Kerzen; und das Ganze legte sie in den Korb und sagte: „Nimm deinen Korb und folge mir!“…“

Bevor ich begonnen habe mich mit Aromatherapie näher zu beschäftigen, wusste ich nicht einmal von der Existenz von Hydrolaten. Den Begriff Rosenwasser oder auch Blütenwasser kannte ich natürlich schon, aber für mich fiel das in eine ähnliche Kategorie wie „Erz-Engelswasser“ und war damit – wie schon in einem früheren Blog geschrieben – nicht mehr wirklich von Interesse.

Erst mit dem Beginn meiner Ausbildung wurde mir bewusst, was es mit diesem Begriff auf sich hatte und wie man Hydrolate gezielt einsetzen kann.

Beginnen wir also mit der Frage, was sie eigentlich sind? Im Prinzip handelt es sich bei Hydrolaten um ein Abfallprodukt der Destillation. Und genauso wurde / wird es – zumindest in vielen Produktionsstätten von ätherischen Ölen – gesehen. Erst in den letzten 20 Jahren wird man sich der Bedeutung dieses Produktes wieder zunehmend bewusst. Um zu erklären, was sie sind, müssen wir uns kurz eine Destillation vor Augen führen. Mithilfe dieser Technik werden die meisten aller ätherischen Öle hergestellt.

Um das Prinzip der Destillation kurz zu umreißen, möchte ich das wunderbare Buch „Ätherische Öle selbst herstellen“ von B. Malle und H. Schmickl zitieren, wobei es sich bei der Beschreibung um eine kostengünstige Variante einer Destille für den Hausgebrauch handelt, eine weitere – in der Anschaffung etwas teurere, aber sicher auch ergiebigere Variante – wäre die Leonardo Destille. Das Prinzip ist jedoch das gleiche.

„(…) Eine Destille besteht aus einem Kessel, indem sich sowohl das Wasser, als auch das Destilliergut (zu extrahierende Pflanzenteile) befindet. Der Kessel ist mein einem Aromakorb, eine Art Sieb, ausgestattet, der das Destilliergut über dem Wasser hält.“ Möchte man also ätherisches Lavendelöl erhalten, verwendet man die Rispen und Stängel der Pflanze, bei Weihrauch würde man z.B. die Harzkügelchen verwenden und dies auf das Sieb legen. „Somit befindet sich die Droge im Dampfraum und wird nicht gekocht.“ Zunächst wird also das Wasser im Kessel erhitzt. Es bildet sich dadurch Wasserdampf, der aufsteigt und durch das Pflanzenmaterial durchdringt. Dabei bricht er die Öldrüsen der Pflanzen auf und reißt die Komponenten mit sich, die vor allem leichter sind als Wasser. Dazu gehören in unserem Fall u.a. das ätherische Öl.

Eine kleine Randbemerkung: Moleküle mit einem Gewicht von maximal 250g/mol²können vom Wasserdampf mitgerissen werden. Alle anderen verbleiben in der Pflanze. Aus dieser Information kann man dann übrigens auch Rückschlüsse ziehen, ob sich ein bestimmtes Molekül im ätherischen Öl oder im Hydrolat überhaupt befinden kann. Man kann sich diesen Schritt auch ein wenig wie Goldwaschen vorstellen: durch seine Schwere bleibt das Gold in der Goldwaschpfanne liegen und alle anderen Materialien, wie Kies oder Eisen werden mit dem Wasser rausgewaschen. Im Falle der Destillation sind wir aber nicht am Gold (=schwereres Pflanzenmaterial) interessiert, sondern an den anderen, leichteren, flüchtigen Materialien, die für uns jedoch ähnlich wertvoll sind wie Gold! Aber zurück zum Vorgang der Destillation.

Wir haben also nun einen aufsteigenden Dampf, welcher eine Mischung aus Wasser, ätherischen Ölen, wasserlösliche Pflanzenteile und Feststoffe darstellt. „Der Kessel ist mit dem Dom, einer Art Deckel, luftdicht verschlossen, damit der Dampf nicht entweichen kann. Die Anlage ist aber keineswegs komplett verschlossen, da sich oben im Dom ein Ausgang mit einer Rohrleitung, das sogenannte Geistrohr, befindet. Das Geistrohr führt den Dampf in die Kühlspirale des Kühlers. Der Kühler ist eine Art Topf, gefüllt mit Kühlwasser, das die Kühlspirale – ein spiralförmiges Rohr im Inneren des Topfes – umspült und kühlt. In der Kühlspirale wird der Dampf abgekühlt bis er kondensiert, sich also verflüssigt.“ Das ist nichts anderes, als wenn sich am Deckel eines Topfes mit kochendem Wasser der Dampf verflüssigt und ihr aufpassen müsst, dass einem das heiße Wasser nicht über die Hand läuft, wenn man den Deckel auf die Seite legt. Am Ende haben wir also ein Wasser-ätherisches Öl-wasserlösliche Pflanzenteile und Feststoffe-Gemisch, welches aus der Kühlspirale abfließt und welches man dann mit einer Flascheauffängt. Dort setzt sich innerhalb kürzester Zeit das ätherische Öl ab, da es nicht wasserlöslich ist. Bei der Destillation der meisten Pflanzen schwimmt das ätherische Öl dann auf dem Wasser und wird mit einer Spritze abgezogen (für den Hausgebrauch).

Und der Rest??? Tja, das ist das Hydrolat oder auch Pflanzenwasser genannt. In dem befinden sich wasserlösliche Bestandteile der Pflanze, ganz ganz wenig ätherisches Öl und weitere Bestandteile wie Spurenelemente, mineralische Salze und Alkaloide.

Daraus kann man gleich mehrere Schlüsse ziehen:

  • Hydrolate unterscheiden sich aufgrund der zusätzlichen Inhaltsstoffe  im Geruchvon den entsprechenden ätherischen Ölen
  • Hydrolate sind in ihrer Wirkung teilweise vergleichbar mit der von ätherischen Ölen, jedoch Großteils noch unerforscht und daher in ihrer Wirkung sicherlich noch unterschätzt
  • Die Konzentration von Inhaltsstoffen ist in Hydrolaten weitaus geringer verglichen mit dem entsprechenden ätherischen Öl und stellt somit eine milde Variante dar. Beispiel: bei der Destillation von Lavendelblüten erhält man aus 1kg Pflanzenmaterial ca. 5l Hydrolat, jedoch nur 30ml ätherisches Öl.
  • Hydrolate bestehen zu fast 100% aus Wasser (beim Kauf darauf achten, dass kein Alkohol beigesetzt wurde!). Daraus ergibt sich die sehr kurze Haltbarkeit, da Wasser generell zur raschen Verkeimung neigt. Von namhaften Herstellern gekaufte Hydrolate sind daher auch mit einem Sprüher versehen, jedoch auch diese sollten innerhalb von 3 Monaten aufgebraucht werden (ab dem 1. Sprühen)! Wer nicht alles aufbrauchen kann oder möchte, kann den Rest auch gleich umfüllen in Eiswürfelbeutel und einfrieren. Damit ist das Hydrolat etwa 1 Jahr haltbar.
  • Es gibt von jedem ätherischen Öl, das mittels Destillation gewonnen wurde, auch ein Hydrolat; Feeling (www.feeling.at) bietet die wichtigsten Hydrolate an, Farfalla (www.faralla.ch) hat eine etwas größere Auswahl

Zuletzt möchte ich aber nun noch auf das Wichtigste eingehen: was kann man nun mit Hydrolaten alles anstellen? Vielleicht ist euch ja jetzt schon die eine oder andere Idee gekommen…

Da Hydrolate nicht so stark sind wie im ätherischen Öl, sind viele davon wunderbar auch für diese Menschen geeignet: bei BabysSchwangerenKleinkindernchronisch kranken (z.B. Asthmatiker, Epileptiker usw.) und älteren Menschen.

  • Anwendungsbeispiel für Säuglinge bei einem wunden Po: Frisches Rosenhydrolat beim Windelwechseln auf den Po aufsprühen und trocknen lassen. Du kannst 2 EL auch direkt ins Badewasser geben.

Man kann sie – im Gegensatz zu den meisten ätherischen Ölen – auch wunderbar einnehmen oder damit gurgeln. Dennoch sollte man bedenken, dass sie immer noch stärker wirken, als ein Tee derselben Pflanze.

  • Anwendungsbeispiel für HalsschmerzenMit 1EL Salbei-Hydrolat (oder mehrere Pumpstöße) gurgeln und anschließend wieder ausspucken. Mehrmals täglich wiederholen! Vorsicht: Salbei-Hydrolat nicht in den 1. drei Monaten einer Schwangerschaft anwenden!

Sie eignen sich – gerade in Kombination mit einem fetten Öl – wunderbar zur Hautpflege. Egal, ob man sie zur Herstellung von Abschminklotion, für Deos oder einfach für die Gesichtspflege verwendet.

  • Ein Rezeptbeispiel für eine Abschminklotion oder auch zur generellen Gesichtspflege:
  • ½ Flasche (100ml) Hydrolat (Lavendel, Rose, Ylang-Ylang…) – die andere Hälfte am besten in einen Eiswürfelbeute gießen, beschriften und sofort einfrieren. Damit kann man sie später auch noch verwenden
  • das Hydrolat-Fläschchen mit Mandelöl auffüllen (50ml)
  • 10-15 Tropfen ätherisches Öl (z.B. Lavendel, Rose, Kamille blau oder römisch, Karotte, Grapefruit, Sandelholz, Ylang-Ylang…) in die Flasche tropfen
  • den Sprüh-Verschluss wieder aufsetzen – fertig!
  • vor der Verwendung gut schütteln, damit sich das Hydrolat und das fette Öl (Mandelöl) vermischt
  • zum Abschminken auf das Gesicht sprühen und mit einem Wattepad abstreichen
  • zur Gesichts- oder Körperpflege einfach auf die Haut sprühen und einmassieren

Hydrolate kann man auch wunderbar in der Küche einsetzen, wie zum Beispiel zum Verfeinern von Desserts mit Rosenhydrolat oder Salaten mit Basilikum-Hydrolat.

Auch als Raumsprays sind sie eine tolle Alternative zu Duftlampen: zum Beispiel kann man Nadelbaum-Hydrolate (Weißtanne, Kiefer…) oder Eukalyptus-Hydrolate wunderbar in Erkältungszeiten zur Raumluftdesinfektion einsetzen. Dazu mehrmals täglich durch die Räume gehen und sprühen.

Hydrolate kann man auch sehr gut für Schmerzenleichten VerbrennungenEntzündungen oder Fieber einsetzen. Dazu aufsprühen, als Wickel oder Wattepads tränken und auflegen.

  • Anwendungsbeispiel bei angehender Bindehautentzündung oder bei trockenen AugenWattepads mit ganz frischem Rosen-Hydrolat tränken und für 15 Minuten auf die Augen legen
  • Anwendungsbeispiel für Lippen– oder Genitalherpes (Fieberblasen): Beim 1. Kribbeln die Stelle mit Melissen-Hydrolat besprühen; zunächst mehrmals täglich wiederholen

Dies sind nur einige wenige Ideen, wie man Hydrolate einsetzen könnte. Weitere werde ich sicherlich  in weiteren Blogs vorstellen.

Ich hoffe, ich konnte euch zeigen, wie vielseitig Hydrolate sein können und dass sie bei weitem kein Abfallprodukt der Destillation sind!

 

Quellen:

  1. Hydrolate. Sanfte Heilkräfte aus Pflanzenwasser. Von Ingrid Kleindienst-John (2014)
  2. Ätherische Öle selbst herstellen. Von Bettina Malle und Helge Schmickl (2014)