„Wie kann man ätherische Öle anwenden? – Teil 2“ oder „Lust auf einen Waldspaziergang?“

In meinem letzten Blog ging es ja bereits um die Haut und wie ätherische Öle ins Körperinnere gelangen können (Stichwort: Konzert-Ende). Wir wissen nun also, dass die Einzelbestandteile der ätherischen Öle nicht nur die Hautoberfläche durchdringen können, sondern auch, dass sie auf ihrem Weg durch die Hautschichten mit Zellen reagieren.

Dieses Grundwissen hilft uns in weiterer Folge zu verstehen, warum manche Öle zum Beispiel schmerzlindernd oder entzündungshemmend wirken können. Warum sie hautpflegend, Bakterien-, Viren- oder Pilz-abtötend, kühlend/wärmend und vieles mehr sein können.

Beginnen wir mit unseren Sinnesempfindungen auf der Haut: Wie empfinden wir Schmerzen, Kälte, Hitze oder Berührungen? Nun kommt die Zahl vom letzten Blog ins Spiel: 5 Millionen. Dies ist nämlich die Anzahl an Sinnesrezeptoren, die auf unserer Haut sitzen. Sie sind dafür verantwortlich, dass wir all diese Eindrücke erhalten. Wie kann man sich das vorstellen? Um dies zu veranschaulichen, stellen wir uns diesmal einen schönen Herbsttag vor, an dem wir durch den Wald streifen und Pilze suchen. Dabei ist der Waldboden unsere Hautoberfläche. Daraus ragen Bäume, was in diesem Gedankenexperiment die Haare sein können. Im Boden finden wir dann ja auch die (Haar)Wurzel. Auf dem Waldboden befindet sich weiters eine Schicht aus Laub und Nadel, was unsere Hornschicht (Stratum corneum) darstellt und die uns, wenn sie eine Fehlfunktion hat, Schuppen beschert.

Wir finden aber auch Farne, Moos, Efeu, welches sich am Baum schlängelt, stellenweise auch Gras, wenn die Sonne durchkommt und vielleicht die eine oder andere Blume und – sofern wir gleich in der Früh gehen – auch Pilze und Schwammerl, die sich aus der Tiefe des Bodens heraustrauen.

Wenn wir nun eine Etage tiefer gehen – also unter die Waldoberfläche – ist es ein bisschen so, wie bei einem Eisberg. An der Oberfläche sehen wir nur die Spitze, aber was sich darunter abspielt hat eine gänzlich andere Dimension. Man könnte meinen, dass all diese Pflanzen für sich stehen und um ihr eigenes Überleben kämpfen. Weit gefehlt. Durch ein riesiges Geflecht an Wurzeln und Myzel (bei Pilzen) stehen all diese Pflanzen miteinander in Verbindung. Das bringt mich übrigens wieder zu einem Buch, von dem ich in einem früheren Blog geschrieben haben: „Kluge Pflanzen – Wie sie locken, lügen und sich wehren“ von Volker Arzt.

Wird eine Pflanze an der Oberfläche gefressen, gelangt diese Information auch in den Boden und über die Wurzeln zu anderen Pflanzen, die ihrerseits durch die Produktion von ungenießbaren ätherischen Ölen reagieren und so dem Fressfeind möglicherweise entgehen können. Später noch mehr dazu!

In unserem Körper passiert im Prinzip ähnliches. Schauen wir uns die Farne an. Der grüne Teil der Pflanze, der aus dem Waldboden herauskommt steht für den Rezeptor. Wenn wir uns einen Farn so anschauen (in unseren Breitengraden), so ist das doch eine recht filigrane, feingliedrige Pflanze, die bei jeder Berührung zum Zittern beginnt. Er könnte also für uns den Rezeptor für exakt lokalisierten Druck / Berührung darstellen (Merkelsche Tastscheiben), welche man nur auf unbehaarter Haut findet. Sein Gegenstück stellt für uns da Efeu dar, welches sich vor allem auf und unter Bäumen findet, also auf der behaarten Haut (Haabalggeflecht).

Weiters finden wir Moos, teilweise recht großflächig – je nachdem wie viel es geregnet hat in letzter Zeit. Mir kommt bei diesem Anblick immer der Wunsch hoch, mich auf dieses weiche „Moosbett“ zu legen. Diese stehen bei uns für eine weitere Rezeptorart: die Vater-Pacinische Körperchen. Diese reagieren auf großflächige Berührung und vor allem auch auf Vibrationen. Diese Rezeptortypen bilden die Gruppe von Druck- und Tastrezeptoren. Besonders dicht (Abstand 1 bis 5 mm) sind sie zum Beispiel in den Fingerspitzen.

Aber das ist noch längst nicht alles, was der Wald (Haut) so zu bieten hat. Schließlich möchten wir auch Wärme oder Kälte empfinden. Auch dafür finden wir in der Natur ein Pendant. Stellen wir uns dazu eine Lichtung vor. Auf dieser wächst viel Gras, dieses stellt für uns die Kälterezeptoren dar (Krausesche Endkolben) und zwischendrin finden wir die letzten Blumen des Jahres. Diese steht bei uns für einen Wärmerezeptor (Ruffinische Endkolben). Die Verteilung ist auch ähnlich: es gibt 10mal so viele Kälterezeptoren in unserer Haut, die im Vergleich zu den Wärmerezeptoren auch wesentlich schneller auf eine Temperaturänderung reagieren. Insgesamt verteilen sich auf der Haut an die 250.000 dieser beiden „Thermorezeptoren“. Besonders dicht findet man sie zum Beispiel auf den Ohrläppchen (9-12/cm²)1.

Fehlt uns nur noch eine sehr wichtige Gruppe, weshalb wir überhaupt erst in den Wald gegangen sind: die Pilze. Als ich überlegt habe, wie ich euch dieses Thema näher bringen kann, sind mir zuerst die Pilze eingefallen. Wieso? Weil man – wie oben beschrieben – nur einen winzigen Teil dessen sieht, was dieses Lebewesen ausmacht (kleine Notiz am Rande: Pilze gehören nicht zur Gruppe der Pflanzen, sondern bilden neben Tieren und Pflanzen eine weitere Gruppe an Lebewesen). Das wahre Wunder spielt sich hier nämlich tatsächlich im Boden ab. Denn die dünnen Pilzfäden (Myzel = „Wurzel“ der Pilze) durchziehen den ganzen Waldboden – man könnte dies mit unseren Nervenfasern vergleichen, die von den Rezeptoren weggehen und letztlich bis ins Gehirn reichen, wo eine Reaktion ausgelöst wird.

Dabei dient dieses Netz an Pilzfäden jedoch nicht nur dem Eigennutz! Vielmehr steht dieses Netz mit seiner ganzen Umgebung in Kontakt. Zum Beispiel geben sie die Warnung vor Schädlingen sozusagen per Rundmail weiter. Die Pilzfäden dienen zudem als Paketdienst der Pflanzen:  Douglasien liefern darüber zum Beispiel Kohlenstoff an Birken, andere Pflanzen bieten Phosphat oder benötigen Stickstoff.  Die Myzelien transportieren auch Gifte, um bei anderen Pflanzen Schädlinge zu vergiften oder um konkurrierende Kräuter am Wachstum zu hindern2,3,4.

 Aber wofür stehen nun diese Lebewesen in unserem Gedankenexperiment? Man kann sich vielleicht nun vorstellen, dass das Berühren von Pilzen  – geschweige denn das Abernten – zu einer wahren Informationsflut im Untergrund führt. Ohne nun theatralisch zu werden: sie stellen für uns die Schmerzrezeptoren dar. Ich möchte damit jetzt nicht behaupten, dass wir den Pilzen mit dem Abernten wehtun (wenngleich wir das mit heutigem Wissensstand auch nicht ausschließen können), sondern nur zeigen, dass unsere Rezeptoren nur an einem winzigen Punkt an die Hautoberfläche gelangen, aber einmal gereizt, setzen wir damit einen Sturm in Bewegung. Die Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) sind übrigens jene Gruppe, die mit 200 Schmerzpunkten pro cm² am häufigsten auf unserer Haut vorkommt5.

Nun wissen wir also, dass unserer Haut nicht nur unser Hüllorgan ist, sondern auch in ständigem Austausch mit seiner Umwelt steht. Es gehen Stoffe rein, andere gehen raus und uns wird jede Berührung oder Temperaturänderung über diese Rezeptoren vermittelt.

Aber wie können wir das nun mit ätherischen Ölen beeinflussen? Dazu möchte ich nun am Ende noch ein Beispiel geben, denn noch habe ich nicht beschrieben, was eigentlich in unserem Körper passiert, wenn einer dieser Rezeptoren aktiviert wird. Erinnern wir uns dafür kurz an das Gras, welches in unserem Experiment für Kälterezeptoren steht: sie sitzen unter anderem auf der Hautoberfläche und reagieren – wie der Name schon sagt – auf Kälte. Sinkt also die Außentemperatur unter eine (individuelle) Grenze, reagieren diese Rezeptoren. Das heißt, es öffnen sich bestimmte Membrankanäle in der Rezeptorzelle, ein elektrischer Reiz entsteht, der über den Nerv zum Rückenmark und weiter zum Gehirn geleitet wird mit der Information: ES IST KALT! Das Gehirn reagiert sofort und schickt eine Info an die Blutgefäße in der betroffenen Region: „Es ist kalt, verengt euch, damit nicht noch mehr Kälte reinkommt.“

Menthol, eine chemische Substanz, die zum Beispiel in Pfefferminze vorkommt, reagiert genau mit diesen Rezeptoren. Das bedeutet, wenn man Pfefferminze auf oder in den Körper bringt (z.B. in Form eines Tees), öffnen sich auch diesmal wieder diese Kanäle und im Gehirn kommt die gleiche Info an: Es ist kalt!! Vor kurzem habe ich einen Satz gelesen, der das schön zusammenfasst: Gibt man Pfefferminze in sein Badwasser sitzt man in einem 35° heißem Eisbad. Man gaukelt also dem Körper vor, dass die Außentemperatur unter jene Grenze fällt, bei der der menschliche Körper reagieren sollte.

Interessanterweise führt Menthol jedoch auch zu einer besseren Durchblutung. Wie diese chemische Substanz einerseits ein Kältegefühl erzeugen kann und gleichzeitig die Durchblutung an dieser Stelle erhöhen kann ist bis heute nicht geklärt. Allerdings zeigt es uns, warum Pfefferminze äußerlich aufgetragen derart gut bei Kopfschmerzen wirkt. Einerseits kühlt es die betroffene Region wunderbar, gleichzeitig sorgt sie für eine bessere Durchblutung und damit für eine Linderung der Schmerzen.

Diesmal habe ich bewusst mit vielen Fremdwörtern herumgeschlagen. Es soll euch verdeutlichen, dass die Haut nicht nur einfach das äußere Ende unseres Körpers darstellt, sondern so viel mehr. Und mit diesem „so viel mehr“ können wir in der Aromatherapie wunderbar arbeiten!

 

Quellenangaben:

  1. http://de.Wikipedia.org/wiki/haut
  2. http://www.deutschlandradiokultur.de/kommunikation-bei-pflanzen-gruenzeug-mit-grips.993.de.html?dram:article_id=310224
  3. Gagliano M et al, 2012. PLoS One 7, e37382
  4. Giovannetti M et al, 2006. Plant Signaling & Behavior 1, 1-5
  5. Brooks J, Tracey I, 2005. J Anat 207, 19–33